Maniok: Eine global bedeutsame Pflanze mit amazonischen Wurzeln 

Unsere Reise durch das Amazonasgebiet führt uns zu dem Quilombo Bracinho do Icatu in Baião (Pará) und deren traditionellen Verwendung von Maniok. Im Amazonas wurzelt die jahrhundertelange Verwendung von Maniok, doch die Pflanze verbindet heute ganze Kontinente miteinander! 

Autorin: Sina von der Heyde
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Mit viel Mühe bereitet Dona Raimunda Paz Viana, eine der ältesten Frauen des Quilombo de Bracinho de Icatú, die Herstellung des Tapiocamehls vor, das seit langer Zeit wertvoller Bestandteil ihrer Kultur ist. Während der große Ofen mit Feuer gespeist wird und das Holz leises Knacken von sich gibt, zerkleinert Dona Raimunda das spezielle Extrakt der Maniokwurzel. Die noch feuchte Masse, die sie mit brasilianischen Nüssen verfeinert, muss jetzt nur noch auf dem großen Ofen geröstet werden, wo das Tapiocamehl unter leichtem Knistern entsteht. 

Video by Rayda Lima with material from Melis first Storytelling Workshop at Bracinho do Icatu, in August 2021.

Die Geschichte der Maniokpflanze (Manihot esculenta), welche zu den Wolfsmilchgewächsen zählt, reicht im Amazonasgebiet weit zurück: das verrät die etymologische Abstammung des Wortes Manioc vom Wort ‘Maniot‘ aus der Sprache der Tupí, die während Portugals Ankunft noch die Atlantikküste des späteren Brasilien bewohnten. Inzwischen ist die Bedeutung der Kulturpflanze jedoch weit über die Amazonasregion hinausgewachsen.

Von der Maniokwurzel zum Tapiocamehl 

Aber erstmal zurück zu Dona Raimundas traditionellen Herstellung des Tapiocamehls. Selma Paz Viana, Tochter von Dona Raimunda und Vorsitzende des Vereins des Quilombo, erklärt uns die Schritte ganz genau. Alles beginnt natürlich mit der Ernte!

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Wurde die Knolle der Maniokpflanze auf den landwirtschaftlichen Flächen der Gemeinschaft geerntet wird sie geschält, sorgfältig gewaschen und gemahlen, bis eine einheitliche Masse entsteht. Danach, erklärt uns Selma, wird diese stärkehaltige Masse mit Wasser verdünnt und durch ein feines Sieb gestrichen. Zum Entgiften ruht diese Masse nun über mehrere Stunden. Hat sich die Masse komplett vom Wasser gelöst, wird dieses abgefüllt und sofort wieder neues hinzugefügt. Ein letztes Mal wird das Wasser von der weißen Masse getrennt, wonach diese zerkleinert werden kann.

Die gesiebte Masse wird dann, wie auch im Video, ganz langsam auf dem schon heißen Ofen verteilt — dieser Prozess, den Selma „Verdampfen“ nennt, sei der wichtigste, denn er entscheide über die spätere Qualität des Mehls. Das Feuer müsse dabei immer gleichmäßig brennen, sonst könne das kostbare Mehl ganz schnell verbrennen. Ein letztes Mal wird das Mehl durch ein Sieb mittlerer Größe gegeben und dann noch einmal auf dem Ofen angeröstet — „dann haben wir das fertige Tapiocamehl“ schließt Selma!
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Die Traditionelle und ökologische Bedeutung der Maniokpflanze im Amazonasgebiet 

Schon als die portugiesische Kolonialmacht um 1500 Fuß auf das spätere Brasilien setzte war der landwirtschaftliche Anbau der Maniokpflanze und deren vielfältige Nutzung weit verbreitet. Maniok soll jedoch schon vor über 10.000 Jahren im Amazonasgebiet angebaut worden sein, so eine neue Studie

In Gesprächen mit den Menschen, mit denen wir im Amazonasgebiet arbeiten, erfahren wir immer wieder, dass Maniok auch heute noch ein wertvoller Bestandteil amazonischer Kulturen bildet. In einer gemütlichen, abendlichen Runde mit Menschen der Kleinbauerngemeinschaft Frei Henri erfuhr unsere Workshopleiterin Cynthia, dass sie beispielsweise Kuchen, Tapioca-Pancakes, Puba-Mehl und Porridge aus dem Mehl der Pflanze herstellen. 

„Mann kann Kuchen machen, die Tapioca Pancakes […] das Puba Mehl, man kann Porridge machen.“ 

Die Maniokpflanze ist aber nicht nur von kulturellem Wert sondern auch ein wichtiger, ökologischer Player im Amazonasregenwald. Denn im Gegensatz zu importierten Arten, wie der Sojapflanze, wirkt sich Maniok als einheimische Pflanze positiv auf das lokale, ökologische Gleichgewicht aus. So bereichert sie Böden bspw. mit wichtigen Nährstoffen und fördert zudem amazonische Arten, wie die stachellosen Bienen, deren Haltung wir interessierten Menschen durch unsere Partnerschaften näherbringen. Der gemeinschaftsbasierte Anbau von Maniok im Amazonasgebiet ist somit aus vielen Gründen ein entscheidender Counterpart zur großflächigen, konventionellen Landwirtschaft, wegen der die Abholzung des Regenwaldes auch in diesem Jahr immer weiter voranschreitet.
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Globale Chancen und Risiken der Maniokpflanze 

Der traditionelle, lokale Anbau von Maniok kontrastiert auch mit der steigenden globalen Nutzung der Pflanze. Bereits im Zuge der Kolonialzeit wurde Maniok in andere Teile der Welt importiert, oft um dort Sklaven und Sklavinnen zu ernähren.  
Vor diesem Hintergrund wird Maniok heute in vielen Teilen der Tropen und Subtropen angebaut, wobei Nigeria als Hauptproduzent gilt und Thailand als Hauptexporteur — im Jahr 2020 wurden so 302.662.494 Tonnen Maniok verarbeitet (Quelle: FAO)!  

Doch wo geht das alles hin? Als Grundnahrungsmittel ernährt Maniok heute große Teile der Weltbevölkerung und wird inzwischen auch zu 25% als Futtermittel verwendet (Quelle: Prakash 2008). Die Stärke des Maniok wird sogar als Alternative zu Plastik gefeiert, die das globale Plastikproblem lösen kann. Die zunächst ebenso positiv erscheinende Produktion von Bioethanol aus Maniok, die in den nächsten Jahren stark zunehmen soll, lässt jedoch schon jetzt baldige Konflikte zwischen Lebensmittelversorgung und Interessen der Industrie vermuten.  
Leider führt diese hohe Nachfrage an Produkten der Maniokpflanze oft auch zu deren Anbau in Monokulturen, welche Böden unfruchtbar machen und denen wertvolle Ökosysteme weichen — auch in Brasilien. 
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Kulturerhaltung und Schutz des Amazonas Regenwaldes 

Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, den gemeinschaftsbasierten Anbau von Maniok, wie ihn Dona Raimunda und ihr Quilombo betreiben, zu fördern. Durch unsere Zusammenarbeit mit engagierten Menschen wie ihr, tragen wir so nicht nur zur Erhaltung ihrer wertvollen Kultur bei, sondern unterstützen sie auch darin, weiterhin eine Gegenbewegung zu umweltschädlicher Landwirtschaft und der damit zusammenhängenden Zerstörung des Regenwaldes zu bilden. Denn ihre inspirierenden, wunderschönen Kulturen sollen auch in Zukunft das Antlitz des global bedeutenden Amazonasregenwaldes schmücken und ihn schützen.

Dona Raimunda und unsere Storytellingexpertin Cynthia während dem Storytelling-Workshop in Bracinho do Icatu im August 2021 (Foto von Rayda Lima).

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Titelbild: Rayda Lima, bearbeitet von Ícaro Uther

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